Twitter – oder: wie mir neuerdings über 200 Leute nachlaufen

Für meinen ersten Beitrag nehme ich mir ein Blatt Papier her. In die Mitte schreibe ich „Twitter“, drum herum Wörter, die ich damit verbinde. Abgesehen von den offensichtlich passenden wie „Timeline“, „Sterne“ und „140 Zeichen“ stehen da auch Worte wie „Freundschaft“, „Unbekanntes“ und „Familie“. Hätte mir zum Jahresbeginn wer gesagt, dass ich solche Gedankenverbindungen zu einem Social Network finden würde – ich hätte schallend gelacht. Doch mittlerweile – nach 7 Monaten Twitter und aktuell gut 9.400 Tweets – ist alles anders.

Der typische Twitterer ist ein Besserwisser. Er steht über seinem Umfeld (vor allem über den, seiner Meinung nach, unterbelichteten Facebooklern), urteilt und verspottet allzu gern. Ironie und Sarkasmus spricht er natürlich fließend. Er liest zwischen den Zeilen und schafft den Spagat zwischen herzallerliebst und bitterböse ohne sich einen Fingernagel zu brechen. Unabhängig davon ist er Single und auf chronischen Sexentzug, hat meist “zu viel Blut in der Koffeinbahn“. Er hat sich eine zweite Realität aufgebaut – einen Ort, an dem er sich aussuchen kann, wie viel er schreibt und liest und an dem er jederzeit auf dem Logout-Button klicken kann, wenn ihm der Spaß zu bunt wird.

Die Anonymität ist wohl der Reiz bei dieser Art von Network. Meist wird versucht, das Reallife soweit wie möglich von der Timeline fernzuhalten. Man will ja seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen können. Wäre es doch verheerend, würde der Kollege oder Mitschüler Bescheid wissen, dass man gestern Abend 5 Bier hatte und ununterbrochen auf Brüste geglotzt hat. Denn das ist, was wohl mehr als die Hälfte der Twitterer ihren Tweets zufolge tun.

Der perfekte Tweet wird dann (hoffentlich) zu hunderten „besternt“ – heißt, dass viele Leute auf das kleine Sternchen, den Favorit-Button, klicken. Inhalt kann prinzipiell alles sein. Getweetet wird mittlerweile überall – in der Uni, der Schule, im Büro, Zuhause und aus dem Urlaub. Vom „guten Morgen“ bis zum „Good Night Twuniverse“.
Die Sache ist: Twitter ist ein Phänomen, das man nur schlecht beschreiben kann – es ist eins dieser Dinge, die man selbst erlebt haben muss. Eine kleine, eigensinnige und oftmals eigenartige Gesellschaft.

Wenn man mich fragt: die letzten Monate haben mir bewiesen, dass Twitter mehr sein kann als ein Zeitvertreib oder eine neue Form des Tagebuchs. Zwischen all den Kurzmitteilungen habe ich so viele Leute verschiedenen Alters und Herkunft kennengelernt und auch liebgewonnen. Manche sind gute Freunde geworden, andere gar ein wenig Familie. Sie sorgen sich um einen, zügeln, geben Ratschläge und sehen auch mal über einen Fehlgriff hinweg. Wo die Grenze zum „echten Leben“ liegt und wie viel Twitter man in sein Leben einbaut muss jeder für sich wissen. Es besteht aber durchaus eine Art Suchtgefahr.

Verfasst in weiteres

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